Subjektiv: Das politische Rad

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Subjektiv: Das politische Rad

Ja, huch!? Nachdem Radfahrende jahrzehntelang artig den ihnen von der autozentrierten Gesellschaft zugewiesenen Straßenrandstreifen befahren haben, lässt sich der Widerstand dagegen inzwischen nur noch schwer in der „Spinner“- Ecke gefangen halten. Spätestens seit dem Mobilitätsgesetz in Berlin, das Radgesetz genannt wird und deshalb von CDU, FDP und AfD abgelehnt wurde, ist klar, dass eine Menschenmenge Rad fahren will. Und zwar auf vernünftigen Radwegen, gern auch mit ihren Kindern und auch noch, nachdem diese aus dem Haus sind.

Aber die derzeitige Infrastruktur ist einfach nicht sicher genug! Also regt sich was im Volke: Die ADFC Sternfahrt zog so viele Radfahrer wie noch nie auf die Straßen der Hauptstadt, auch Critical Masses – spontane Fahrraddemonstrationen – zeigen regelmäßig, wie schön es wäre, wenn Mensch und Rad statt des Autos im Vordergrund stehen würden. Und während wir Hauptstädter noch skeptisch auf die tatsächliche Umsetzung schöner Theorie schauen (in Berlin kann man ja viel erzählen),
haben Fahrrad-Aktivisten*innen in 15 Prozent der deutschen Städte und in zwei Bundesländern begonnen, das „Wunder von Berlin“ zu kopieren. Ahnungslose könnten denken, all dies Engagement sei die logische Konsequenz politischen Umdenkens – im Dienste der Erfüllung selbstgesteckter Klimaschutzziele oder der Verbesserung der Lebensqualität der Bürger*innen – aber nein! Wir erleben ein Grassroots Movement von Menschen, die es leid sind, als Radfahrende nicht ernst genommen zu werden.

Dabei sprechen auch die Verkaufszahlen von Fahrrädern und Pedelecs deutliche Worte: So werden aktuell fast 20-mal mehr elektrische Fahrräder als E-Autos verkauft, der Dienstradsektor boomt, Lastenräder prägen zunehmend das Stadtbild und auch die Touristiker lächeln glücklich über die 22 Millionen Übernachtungen von Radtouristen im Jahr 2017. Während man also radeln will und dank Fachhandel vor Ort auch mit dem richtigen Gefährt versorgt wird, geht die inbrünstige Radpolitik immer noch von den dafür berüchtigten Parteien aus. Aber Achtung, ihr „großen“ Parteien: Womöglich rollen euch bald die ohnehin mobilen Wähler*innen aus den Lagern.

Hendrikje Lučić – hat zwei Räder unter sich, die sie manchmal gegen Füße tauscht. Ansonsten kämpft sie als Radlobbyistin für die gute Sache.