Subjektiv: Endlich: Weg mit den Deko-Mädels!

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Subjektiv: Endlich: Weg mit den Deko-Mädels!

Als kleiner Stöpsel sah ich im Fernsehen voller Entsetzen meine ersten Siegerehrungen in der Formel Eins. Das Gespritze mit dem Sekt war mir egal, auch wenn meine Mutter sagte, dass danach alles so klebt. Aber dass auf dem Podium hübsche junge Frauen standen und den Sieger küssten, fürs Foto – das fand ich erschreckend bis widerlich. Als Teenager stellte ich fest, dass auch bei meiner geliebten Tour de France Frauen für Geld oder zweifelhaften Ruhm mit siegreichen Fahrern knutschten.

Mir war klar: Wenn ich auf dem Treppchen stehe, will ich die nicht an der Backe haben! Mit zunehmendem Alter störte ich mich weniger daran, was die Männer da erdulden mussten denn daran, dass diese Frauen das Beiwerk des Siegers sein sollten. So etwas wie Christbaumschmuck für die Weihnachtsfeier. Und das ist schon ziemlich seltsam. Abgesehen davon, dass ein Etappensieg bei der Tour oder das Grüne Trikot per se „schön“ genug ist – Frauen als Deko?

Sicher gibt es „frauenverachtendere“ Situationen, vor allem dort, wo Gewalt eingesetzt wird. Wie frauenverachtend auf einer Skala von eins bis zehn die Einrichtung „Podium Girls“ wirklich ist, tut wenig zur Sache. Vielleicht hilft es im Zweifel einfach, sich vorzustellen, es gäbe bei Frauen-Siegerehrungen Podium Boys. Ach, war da jetzt ein Aha-Effekt? Jedenfalls hat mich nun die Tour de France erhört. Nicht, dass ich aufs Treppchen käme. Nein, die Podium Girls wird es wohl nicht mehr geben – wie internationale Radsportmagazine Anfang März meldeten. Dabei ist eher unwahrscheinlich, dass die Fahrer protestierten. Aber Dank der immer noch schwelenden #metoo!-Debatte stieg auch im Sport die Sensibilität für derlei „rein dekorative Verwendung“ von Frauen. Und die Veranstalter der Tour de France konnten sich tatsächlich an der Formel Eins orientieren: Da gibt es seit Anfang des Jahres keine Siegerküsschen von fremden Frauen mehr. Manchmal, auch wenn wir es nur ungern zugeben, kann man auch von Autofahrern etwas lernen.

Georg Bleicher, abfahren